Poetentaler
Belohnt mit Poetentaler (v. links): Jo Baier, Markus Wasmeier, Helmut Eckl. Foto: Stephan Rumpf
Tradition mit Längen
Die Turmschreiber verleihen im Künstlerhaus ihren Poetentaler – nicht nur an Dichter
Die Turmschreiber haben ja zuletzt einige alte Zöpfe respektive Zöpfl abgeschnitten
– unangetastet bleibt jedoch die Tradition, einmal im Jahr den Bayerischen Poetentaler zu verleihen. Dabei ist es nur dem Uneingeweihten befremdlich,
dass zu den Ausgezeichneten stets auch Leute gehören, die mit
Poesie nichts am Trachtenhut haben.Der Kenner aber weiß, dass der Taler mitunter zu Menschen wandert, die sich ohne Reime und Verserl um die
bayerische Kultur verdient gemacht haben. Und so beklatscht die Turmschreiber-
Gemeinde am Freitagabend im Künstlerhaus den ehemaligen Skirennläufer
Markus Wasmeier als einen von vier Preisträgern. Wasmeier hat zwei olympische Goldmedaillen gewonnen – aber das zählt in diesem Fall nicht. Den Poetentaler gibt es, weil er das kulturelle Erbe seiner Heimat für kommende Generationen bewahrt. Der Olympiasieger hat in Schliersee ein Bauernhofmuseum geschaffen, wo der Besucher „neitaucha ko in unsre G’schichte“ (so Wasmeier in der Dankesrede). Wer so etwas ohne die „Gschaftlhubereien“ der Behörden auf die Beine stellt, müsse den Worten des Laudators Gustl Bauer zufolge „a zacha Hund“ sein. Einer gewissen Zähigkeit bedarf es auch, um die dreistündige Preisverleihung durchzuhalten, wenngleich die vier Lobredner durchaus für Kurzweil sorgen, mitunter auch für Gesprächsstoff in Sachen bayerischer Phonetik. Dass diese ein weites Feld ist, zeigt die Rede des Laudators Harald Scheubner. Der ehemalige Lehrer pflegt das Wort „tratzen“ mit langem „a“ auszusprechen – eine Eigenwilligkeit, die bei Anhängern des kurzen „a“ Murren auslöst. Dessen ungeachtet preist Scheubner die Virtuosität des Musiktrios „Münchner Saitentratzer“, das sich fortan mitdem Poetentaler schmücken darf. Zum Dank spielen Melanie Ebersberger (Hackbrett), Susanne Riedl (Harfe) und Harry Scharf (Kontrabass) ein paar Stücke, wodurch die Turmschreiber billig – der Poetentaler ist undotiert – zum musikalischen Begleitprogramm kommen. Guter Turmschreiber-Brauch ist es, auch einen Autor aus den eigenen Reihen zu ehren. In diesem Jahr trifft es den Mundartdichter Helmut Eckl, dessen Laudator Toni Drexler eine derart fulminant hinterfotzige Rede zu Gehör bringt, dass man den Eindruck hat, er bewirbt sich schon mal für den nächsten Poetentaler. Den vierten Preisträger, den Filmemacher Jo Baier, feiert Lobredner Karl-Otto Saur als polyglotten Heimatregisseur, der es versteht, in Filmen wie „Wambo“ oder „Hölleisengretl“ den Menschen „etwas nahezubringen“. Angesichts der Euro-Krise zeigt sich Baier dann auch froh, einen Taler zu erhalten. Wolfgang Görl